Heeresfeldbahnen hatten im ersten Weltkrieg eine herausragende Bedeutung bei der Truppenversorgung. Als Alternativen kamen im wesentlichen nur Pferdefuhrwerke in Betracht, der Lastkraftwagen – insbesondere der geländegängige – steckte noch in seinen Kinderschuhen. Im zweiten Weltkrieg sah das schon ganz anders aus. Der Lastkraftwagen war ausreichend zuverlässig und geländegängig, so daß für die Heeresfeldbahn nur noch ein kleines Aufgabenfeld überwiegend in Depots übrig blieb (ausführlicher in Wikipedia: Heeresfeldbahn). Lediglich in den Schnee- und Schlammperioden wuchs ihre Bedeutung wieder vorübergehend.
Erste Lazarettwagen wurden im Jahr 1917 ausgeliefert, vorher mußten sich die Feldbahntruppen Provisorien für den Verwundetentransport einfallen lassen. Die Wagen waren innen mit Längsbänken für 22 Personen und mit Halterungen für Verwundetentragen in zwei Ebenen versehen, also für maximal acht Tragen. Bei Nichtbenutzung wurden die Tragen und das Befestigungsmaterial in Staukästen unterhalb des Rahmens verstaut. Zum einfacheren Verladen ließen sich die Stirnwände vollständige öffnen. Obwohl die Wagen kaum noch zum Fronteinsatz kamen, bewährte sich das Konzept. Für den zweiten Weltkrieg wurden die Wagen mit von 5,5 auf 7,0 m verlängerten geschweißten Wagenkästen ausgeliefert, so daß drei Verwundetentragen hintereinander – und damit zwölf insgesamt – untergebracht werden konnten. Die Staukästen unter dem Rahmen entfielen.
Vermutlich waren zum Kriegsende 1945 beim Waggonbau Bautzen noch eine Reihe unverkaufter Wagenkästen für die Heeresfeldbahn auf Lager. Eine andere These geht davon aus, daß die Wagenkästen – auf Flachwagen verladen – auf einem oder mehreren Ranigerbahnhöfen herrenlos gestrandet sind. Mangels anderer Verwendung wurden die Wagenkästen als Schuppen genutzt.
In den 1990ern waren uns von zehn Wagenkästen die Standorte bekannt, u. a. zwei in Bautzen (jetzt im Frankfurter Feldbahnmuseum), drei auf dem Großröhrsdorfer Bahnhof (HFD-Nr. 113…115) und einer in Leipzig-Engelsdorf (HFD-Nr. 117). Leider sind uns keine weiteren Einzelheiten dazu bekannt, woher die Kästen kamen und wann sie aufgestellt wurden.
Wagen 117: Lazarettwagen aus Leipzig-Engelsdorf

Der Wagenkasten wurde von Manfred Werner in Leipzig-Engelsdorf geborgen. Die Drehgestelle entstanden aus Umbauten von Drehgestellen der Waldeisenbahn Muskau. Bei Werners Gartenbahn wurde er vor allem als Aufenthaltswagen genutzt und nur zu besonderen Anlässen auf Rundreise geschickt. Seit 2024 befindet sich der Wagen in der Sammlung des Feldbahnmuseums. Der Neuaufbau geht wegen dringender anderer Erfordernisse aber nur langsam voran.
Wagen 113 bis 115: Lazarettwagenkästen aus Großröhrsdorf

Diese drei Wagenkästen standen lange Zeit im Bahnhof Großröhrsdorf, einer am Hausbahnsteig und zwei übereck im Bereich zwischen Personen- und Güterbahnhofsteil. Sie sind vermutlich während ihres musealen Daseins häufiger umgezogen, als in ihrem „wahren Leben“.
Das erste Ziel war das Gelände der heutigen Feldbahnschauanlage Glossen, weil in Dresden-Klotzsche einfach kein Platz gewesen wäre. Nach kurzer mündlicher Verhandlung mit der Bahnmeisterei und der regulären Bestellung dreier Flachwagen sind sie 1993 mit einem Eisenbahndrehkran verladen worden und so in diversen Übergabe- und Nahgüterzügen bis Oschatz gefahren (als „Wagen, nicht auf eigenen Rädern rollend“). Dort wurden die normalspurigen Flachwagen auf Rollwagen aufgerollt und die Fahrt ging auf 750 mm weiter bis Mügeln. Abladen und Weitertransport erfolgte mit Hilfe der dortigen LPG, die einen Traktor mit Anhänger und einen Autodrehkran ADK 63 zur Verfügung stellte. Versuche, das Bahnpersonal zu überreden, die Wagen bis zur damaligen Ausweichstelle Nebitzschen zu überführen, mißglückten leider, so daß sich Traktor und Kran insgesamt sechs mal durch den schon damals beachtlichen Berufsverkehr von Mügeln hindurchzwängen mußten. Dort angekommen, wurden alle leicht demontierbaren Beschlagteile, die Fensterrahmen und ein Teil der Türen demontiert und in Klotzsche eingelagert. Morsche Bretter wurden vermutlich von der dortigen Jugend ohne Auftrag unsererseits entfernt.
Kurze Zeit später erreichte uns ein anwaltliches Schreiben. Darin wurden wir aufgefordert, die entwendeten Wagenkästen innerhalb einer gesetzten Frist auf das Geländes des Klienten auf unsere Kosten zu befördern, auf eine Diebstahlsanzeige würde man bei Erfüllung verzichten. Eine Rückfrage bei der Bahnmeisterei ergab dort ein hohes Maß an Verunsicherung, aber auch die Zusicherung, daß die Wagenkästen aus ihrem Zuständigkeitsbereich wären. Schriftlich wollte man uns das aber nicht geben. So argumentierten wir in unserem Antwortschreiben an die Kanzlei, daß wir die Wagen rechtmäßig erworben hätten, allenfalls ein sog. Gutglaubenserwerb infrage käme, da aus unserer Sicht nichts dagegen sprach, daß die Bahnmeisterei verfügungsberechtigt sei (Gutglaubenserwerb: §§ 932ff, BGB, oder Wikipedia: Erwerb von Nichtberechtigten, wer es nachlesen mag). Im letzten Schreiben der Gegenseite wurde dies zwar angezweifelt und weitere Schritte angedroht, bisher ist aber nichts dahingehend passiert. Wir vermuten, daß der Klient mit Verantwortlichen des Bahnhofs verhandelt hat und von denen ebenfalls eine mündliche Erlaubnis zur Übernahme erhalten hat, wir dann aber glücklicherweise etwas schneller beim Abtransport waren.
Nachdem wir ein Deponiegelände für Lagerzwecke in Dresden-Klotzsche angemietet hatten, sollten die Wagenkästen natürlich in unserer Nähe. Also wurden sie von Glossen ganz unspektakulär mit einem Miet-Lkw zurückgeholt. Spektakulär daran war nur, daß das Abladen ein Mann allein nur mit unserem T 174-2 erledigt hat. Dazu hat er das überstehende Wagenende auf Schwellenstapel aufgebockt, das andere Wagenende mit dem Bagger angehoben und dann den Lkw herausgefahren.
Die hoffentlich letzte Reise „nicht auf eigenen Rädern rollend“ war dann der Umzug in die Herrenleite. Die Fahrt mit unserem Anhänger war unproblematisch, die 70 cm Überstand hinten waren im Bereich des Erlaubten. Aber die Beladung mit unserem T 174-2 war eigentlich schon jenseits des Grenzwertigen. Zwar hebt der T 174-2 die Last von zwei Tonnen, aber nur wenn sie kompakt neben ihm stehen. Hier mußte aber mit fast voller Ausladung gearbeitet werden. Die Oberarmzylinder waren an ihrer Grenze, sie hoben einfach nicht weiter. Der Unterarmzylinder hatte noch wenige Reserven, beim weiteren Anheben vergrößerte sich aber die Ausladung, worauf das Druckbegrenzungsventil der Oberarmzylinder ansprach… Nach einigen Versuchen waren die Anschlagseile auf die einzig richtige Länge eingestellt und das Aufladen gelang. Nun konnten die Wagenkästen ihrer neuen Heimat entgegenrollen. Hier werden sie mit einem provisorischen Dach vor Wetterunbilden geschützt.
Neben einer rollfähigen Aufarbeitung gibt es auch Überlegungen, einen Wagenkasten wieder seiner ursprünglichen Verwendung als Schuppen zuzuführen. Aber dafür fehlen noch zwei Dinge: ein geeigneter Aufstellplatz und jemanden, der es macht.
Wagen 123: Lazarettwagenkasten aus Fischbach

2024 erfuhren wir von der IG Wagen von einem weiteren Wagenkasten auf einem Privatgrundstück in Fischbach bei Arnsdorf. Er war zwar von der Straße aus sichtbar, durch die Beblechung ist er aber nicht als Wagenkasten wahrgenommen worden. Der Eigentümer war gerade verstorben und Erben bereiteten den Verkauf des Grundstücks vor. Im Zuge der vorbereitenden Beräumung sollte der Wagenkasten eigentlich mit entsorgt werden, der Entrümpelungsfirma war es aber auch recht, daß wir den Wagen abholten.
„Wagen“ 962: Rahmen eines Heeresfeldbahn-Unterwagens aus dem 2. Weltkrieg

Die Heeresfeldbahn-Unterwagen hatten einen doppelten Verwendungszweck. Zum einen konnten sie als Drehgestelle für vierachsige Wagen verwendet werden, u. a. auch für die oben beschriebenen Lazarettwagen. Zum anderen konnten sie aber auch mit wenig Aufwand zu eigenständigen zweiachsigen Wagen mit 3 t Tragfähigkeit umgerüstet werden, weshalb an beiden Wagenenden vollständige Kupplungen angeordnet sind. Es gab sie in gebremster und ungebremster Ausführung. Später wurden unter den vierachsigen Wagen andere Drehgestelle verbaut.
Weil nur in geringer Stückzahl gebaut und nur wenig Gelegenheiten für eine Nachnutzung bestanden, sind Fahrzeuge dieser Bauart heute sehr selten. Es lohnte sich also der Aufwand, den Rahmen aus dem Schlick des Schwarzwassers zu ziehen. Vielen Dank dafür an die Freunde vom Verein Sächsische Eisenbahnfreunde e.V.
Eine Zusammenstellung und kurze Beschreibung der heute noch erhaltenen Heeresfeldbahnwagen findet sich auf www.hfwagen.de.
Autor: Rainer Dominik, letzte Änderung: 09.06.2026




